Juni 2005

Rundschreiben Nr. 27

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Nachlese zum 7. Radolfzeller Kolloquium am 28.5.05
Kurzzusammenfassungen der Vorträge


Was sagen uns "Nierenwerte" wirklich?

Von Dr. Markus Haller (hallma.vet@bluewin.ch), Kleintierpraxis HallMa, Boniswil (Schweiz), wurden 4 Fälle (2 Hunde, 2 Katzen) mit Nierenproblematik vorgestellt. Davon hier 2 Fälle:

  1. WHWT, 9 kg, plötzlich aufgetretene PU/PD, Inkontinenz "Nierenwerte" (Hst, mmol/l – Krea, µmol/l – Inulin, mg/l): 2,2 (↓) – 111 – 133 (↑), Spez. Gew.: 1005, Glukose i.Harn: +++(Serumglukose: normal), E.R.D.-Test (Mikroalbuminurie): pos, Ew/Krea-Quot: 0,7.
    Beurteilung: Inulin-Ausscheidungstest mit erhöhtem Inulin120-Wert macht Nierenproblem wahrscheinlich, da trotz "normalem" Kreatinin eine eindeutig reduzierte GFR vorliegt.
    Schlussfolgerung: Ein normaler Kreatinin-Wert schließt v.a. bei Hunden kleiner Rassen ein Nierenproblem nicht aus.
    Hinweis: Im ALOMED-Rundschreiben Nr. 25 (10/2004) wird das Problem Kreatinin/Muskelmasse behandelt und als grobe empirische Faustregel für Hunde kleiner 25 kg eine obere Kreatinin-Referenzgrenze von 100+kg vorgeschlagen. Zur Absicherung ist jedoch immer ein Inulin-Ausscheidungstest zu empfehlen.
     
  2. Heilige Birma, 4,5 kg, gastrointestinale Probleme, Nierenwerte (s.o.): 13,1 –223–215, Spez. Gew.: 1052, E.R.D.-Test, Ew/Krea-Quot. und Harnbakteriologie: negativ.
    Beurteilung: Erhöhte Kreatinin-, Harnstoff- und Inulin180-Werte sprechen für eine eindeutig reduzierte GFR (Kreatinin wurde in Monatsschritten überprüft und liegt beständig hoch). Sonst keine Hinweise auf Nierenproblem. Ursache dieser erhöhten Nierenwerte?
    Eine Studie in England weist auf eine familiäre Nierenerkrankung bei heiligen Birmas hin. Schlussfolgerung: Trotz erhöhten "Nierenwerten" muss bei der heiligen Birma nicht zwingend eine Nierenerkrankung vorliegen.

Erniedrigtes canines T4 = Hypothyreose?

Dr. Werner Müller (wmueller@alomed.de) Labor ALOMED, stellte die Ergebnisse einer im September 2001 begonnenen, multizentrischen Hypothyreose-Studie vor.
Bisher wurden 31 Fälle mit primärer Hypothyreose - aufgrund eines negativen TSH-Stimulationstestes als Diagnose-Kriterium - dokumentiert. 2 Fälle mit der typischen Hormonkonstellation einer primären Hypothyreose konnten auf eine Cotrim-Therapie, bzw. ein Schilddrüsenkarzinom zurückgeführt werden.
Klinische Hauptsymptome sind: Gewichtszunahme (87%), Lethargie/Bewegungsunlust (84%), verminderte Fellqualität (71%) und Bradykardie (68%).
Die am häufigsten veränderten Laborwerte sind: Erhöhtes Cholesterin (77%) und grenzwertiger, oder verminderter Hämatokrit (52%).
Entscheidende Grundlage der Studie war die Ermittlung eigener Referenzwerte für die Parameter: TSH-Stimulationstest, cT4, cTSH, fT4 und K-Wert.
Beurteilung: Einzelparameter besitzen keine ausreichende diagnostische Eignung. So findet man mit cT4 zwar 29 der 31 primären Hypothyreosen, gleichzeitig ist aber cT4 auch bei 15 der 30 nicht primären Schilddrüsen-Erkrankungen erniedrigt. cTSH dagegen ist mit nur 3 "falsch positiven" schon deutlich spezifischer.
Schlussfolgerung: Die Kombination cT4 oder K-Wert und cTSH wird als Erstuntersuchung empfohlen. Damit können 84% aller primären Hypothyreosen erkannt werden. Zum 100%igen Nachweis/Ausschluss bleibt nur der TSH-Stimulationstest.


Im zweiten Teil der Veranstaltung wurde – schon traditionell bei ALOMED – der Schwerpunkt auf Vektor-übertragene Infektionskrankheiten gelegt. Während bei unseren letzten Treffen noch vor allem über die Bedeutung von Borreliose oder FSME in der Veterinärmedizin diskutiert wurde, standen diesmal die einst als reine „Reisekrankheiten“ eingestuften Infektionen wie Babesiose, Ehrlichiose oder Leishmaniose im Vordergrund.

Leishmaniose und Ehrlichiose auch in Deutschland und der Schweiz?

Dr. Rainer Oehme (rainer.oehme@rps.bwl.de), Landesgesundheitsamt Baden Württemberg zeigte, dass Vektor-übetragene Infektionskrankheiten zum einen durch die veränderten Reise-gewohnheiten und weltweiten Handel, aber auch durch klimatische und landschaftliche Veränderungen in Deutschland und der Schweiz stark im Vormarsch sind.
Während zahlreiche Informationen zur Epidemiologie von Borreliose und FSME zur Verfügung stehen, ist noch wenig über die Verbreitung der Ehrlichiose bekannt. Da Ehrlichia canis durch die Zeckengattung Rhipicephalus sanguineus übertragen wird, gilt diese Ehrlichiose als klassische „Importkrankheit“ aus südlicheren Ländern. Dagegen wird Anaplasma phagozytophilum wie Borrelien oder FSME-Viren durch den bei uns vorkommenden Ixodes ricinus (Holzbock) übertragen und bei ALOMED wurden in den letzten Wochen einige positive Fälle mit typischer Symptomatik gefunden.
Bisher sind Dermacentorzecken v.a. im Süden Deutschlands verbreitet, doch mit der Klima-erwärmung wandern sie immer weiter in Richtung Norden. Die Parasiten übertragen nicht nur den Erreger des Q-Fiebers Coxiella burnetii, sondern auch Babesia canis.
Ein einziger Stich der winzigen Sandmücke (Phlebotomen) genügt, um die gefährliche Tropenkrankheit Leishmaniose zu übertragen, die heute zu den häufigsten Importkrank-heiten bei Hunden gehört. Viele Mittelmeerurlauber bringen aus Mitleid Hunde mit, ohne die Risiken zu kennen und ohne dass diese ausreichend untersucht sind. Bisher vorwiegend im Mittelmeerraum verbreitet, scheint sich diese Krankheit mittlerweile bis nach Deutschland auszubreiten, was aktuell durch Studien des Parasitologen Dr. Naucke, Parasitus Ex e.V. (www.parasitus.com) geprüft wird. (Bisher wurden von ihm an 19 Orten zwischen Lörrach und Baden-Baden Sandmücken gefunden).

Borreliose, Ehrlichiose und Leishmaniose beim Hund

Steffen Sum (info@med.vetmed.uni-muenchen.de), Oberarzt an der Medizinischen Kleintierklinik der Lmuss München, präsentierte drei Fallbeispiele, die interaktiv in Zusammenarbeit mit den Teilnehmern aufgearbeitet wurden. Je ein Fall von Ehrlichiose, Leishmaniose und Borreliose wurde dabei von der Eingangsuntersuchung, über die Labordiagnostik, bis hin zur endgültigen Diagnose und Therapie schrittweise besprochen.

Anämie – wie finde ich die Ursache?

Auch von Thomas Rieker (thomas@herter.de), Kleintierpraxis Ravensburg, wurde ein Fallbeispiel aus der Praxis vorgestellt. Nachdem Herr Rieker mit der Hilfe von ALOMED im Sommer 2002 bei einem Pitbull eine hämolytische Anämie auf den Befall mit „kleinen Babesien“ zurückführen konnte, wurde ihm 2004 ein ähnlicher Fall vorgestellt, dessen schrittweise Aufarbeitung er vorstellte. Auch hier waren im Blutausstrich in den Erythrozyten paarig vorkommende Strukturen sichtbar. Die Verdachtsdiagnose „Infektion mit kleinen Babesien“ wurde mit Hilfe molekularbiologischer Methoden (PCR und Sequenzierung) als Babesia gibsonii bestätigt. Somit war dies der zweite beschriebene Fall eines Hundes mit einer Babesia gibsoni-Infektion in Deutschland.

Serologie oder PCR?

Das Ziel des Abschlussvortrages von Dr. Daniel Schaarschmidt, Labor ALOMED (schaarschmidt@alomed.de) war es, das Auditorium davon zu überzeugen, dass sich die PCR (Polymerase-Kettenreaktion), also der direkte molekulargenetische Nachweis von Erregern, auch in der Veterinärdiagnostik immer mehr zu einem unersetzlichen Werkzeug entwickelt. Anhand von Fallbeispielen zu den Themen Babesiose, Ehrlichiose und Hämobartonellose (Mycoplasma-Infektion), wurden die Vor- und Nachteile dieser Methode geschildert.
Die Empfehlungen zur Diagnostik von „Blutparasiten“ bei ALOMED haben wir für Sie im Folgenden zusammengefasst.


 

 

Empfehlungen zur Diagnostik von „Blutparasiten“

Babesiose

Eingangsuntersuchung Bestätigung/Ausschluss Therapiekontrolle
Blutausstrich / PCR Serologie PCR
  • häufig hämolytische Anämie und Thrombozytopenie
  • Mikroskopisch morphologischer Nachweis (Problem: Sensitivität)
  • AK-Bestimmung nur eingeschränkt zu empfehlen, weil
    • Gattungsspezifisch (Babesia canis, Babesia gibsoni usw.)
    • oft sehr verzögerte, teilweise ausbleibende Serokonversion
    • Titer bleibt trotz erfolgreicher Therapie sehr lange hoch
  • Direktnachweis mittels PCR ist spezifischste und sensitivste Methode
  • Nachweis von Babesia spp. (Sequenzierung zur Gattungsbestimmung ist möglich)
  • Probenmaterial 1ml EDTA-Blut


Ehrlichiose

Eingangsuntersuchung Bestätigung/Ausschluss Therapiekontrolle
PCR und Serologie PCR (Milz/Knochenmark) Serologie PCR(Milz/KM)
  • häufig nicht-regenerative Anämie und Thrombozytopenie
  • Meist keine mikroskopisch morphologischen Hinweise
  • AK-Bestimmung nur eingeschränkt zu empfehlen, weil
  • Gattungsspezifisch (Ehrlichia canis, Anaplasma phagozythophilum)
    • oft sehr verzögerte Serokonversion
    • Kreuzreaktivität (falsch positive Ergebnisse)
    • Titer bleibt trotz erfolgreicher Therapie sehr lange hoch
    • Hohe Titer bei Hunden aus Endemiegebieten
  • Direktnachweis mittels PCR: spezifischste und sensitivste Methode
    • schon in subklinischer und akuter Phase im Blut nachweisbar
    • Therapiekontrolle
    • Problem: chronische Ehrlichiose ? Knochenmarks- oder Milzpunktat
  • Nachweis von Ehrlichia spp. (Sequenzierung zur Gattungsbestimmung möglich)
  • Probenmaterial 1ml EDTA-Blut, in chronischer Phase Milz- oder Knochenmarkspunktat

ALOMED-Ehrlichiose-Studie: seit einiger Zeit „sammeln“ wir nun schon in unserem Labor Fälle von „Ehrlichiose“ beim Hund. Wir orientieren uns dabei an den Ergebnissen von Serologie (Nachweis von IgM/IgG-Antikörpern gegen Ehrlichia canis und/oder Anaplasma phagozytophilum) und dem Nachweis von Ehrlichia-spp.-DNA mittels PCR (aus EDTA-Blut!). Zudem haben wir relevante Daten aus den uns vorliegenden klinisch-chemischen und hämatologischen Untersuchungen ausgewertet. Bis heute haben wir 8 Fälle „Serologie und PCR positiv“, 14 Fälle „Serologie positiv, PCR negativ“ und 3 Fälle „Serologie negativ, PCR positiv“. Wir verschicken an die behandelnden Ärzte Anamnese- und Dokumentationsbögen, um für diese Fälle Daten zum möglichen Infektionsort, zur klinischen Symptomatik und Therapie zu erhalten.

„Hämobartonellose“ (Hämotrophe Mycoplasmen)

Eingangsuntersuchung Bestätigung/Ausschluss Therapiekontrolle
Blutausstrich / PCR PCR (Serologie) PCR
  • Großes Blutbild: hämolytische Anämie mit Anisozytose
  • Mikroskopisch morphologischer Nachweis
  • AK-Bestimmung: Rickettsia-IFAT (Kreuzreaktivität
  • PCR (aus EDTA-Blut):
    • hohe Sensitivität und Spezifität
    • Speziesbestimmung: Mycoplasma haemocanis oder Candidatus mycoplasma haemominutum ähnliche Spezies
    • Therapiekontrolle

„Hämobartonellose“-Studie beim Hund: Mycoplasma-Infektionen bei der Katze sind vielfach beschrieben und haben ihren festen Platz in der Anämie-Diagnostik. Auch bei Hunden sind Infektionen beschrieben, ihre Rolle als Primärerkrankung ist jedoch nicht gesichert. Bei der mikroskopischen Leukozyten-Differenzierung finden wir seit vielen Jahren – als Zufallsbefund - mikroskopisch-morphologische Hinweise auf einen Mycoplasma-Befall. Zur Bestätigung eines Infektionsverdachtes haben wir den DNA-Nachweis mittels PCR aus EDTA-Blut entwickelt und validiert. Mit Hilfe dieser molekularbiologischen Methode finden wir auch beim Hund unterschiedliche Mycoplasma-Spezies und sind nun sehr daran interessiert, weitere Erkenntnisse über mögliche Zusammenhänge mit klinischen Erscheinungen dieser Patienten zu erlangen. Daher verschicken wir auch hier an die behandelnden Ärzte Anamnese- und Dokumentationsbögen.

Leishmaniose

Eingangsuntersuchung Bestätigung/Ausschluss Therapiekontrolle
Serologie
Albumin/Gesamteiweiß
PCR (Lymphknoten oder Knochenmark) PCR (LK / KM)Albumin/GE
  • PCR-Nachweis aus Blut gelingt eher selten. Lymphknoten- oder Knochenmarkspunktat, eventuell veränderte Hautstellen, stellen optimales Material zum direkten Erregernachweis dar.

Filariose / Dirofilariose

Eingangsuntersuchung Bestätigung/Ausschluss Therapiekontrolle
Blutausstrich
Antigen-ELISA (D. immitis)
Knott-Test Blutausstrich
Antigen-ELISA (D. immitis)

Rickettsiose

Eingangsuntersuchung Bestätigung/Ausschluss Therapiekontrolle
PCR Serologie PCR
  • Serologie: Nachweis von Rickettsia conorii
  • PCR (aus EDTA-Blut): Nachweis von Rickettsia spp., also R. conorii, R. helvetica, R. rickettsii